Erinnerung an Ostpreußen 1945

Am Donnerstag, dem 3. September, waren Gerhard Schröder und Hannelore Neumann zu Gast am Gymnasium Römerhof. Vor den Schülerinnen und Schülern der Q3-Geschichtskurse von Frau Prager und Herrn Dr. Schaal berichteten die beiden Zeitzeugen von ihren persönlichen Erfahrungen mit Krieg, Flucht, Vertreibung und deutscher Teilung.
Während der rund 90minütigen Veranstaltung schilderte zunächst Gerhard Schröder seine Erlebnisse in Ostpreußens Hauptstadt Königsberg in den Jahren 1945 bis 1947. Als Zehnjähriger erlebte er 1945 das Ende des Zweiten Weltkrieges und die ersten Nachkriegsjahre unter sowjetischer Besatzung. Hunger, Krankheit und die tägliche Sorge um das Überleben bestimmten den Alltag. Seine schwer an Tuberkulose erkrankte Mutter brachte ihn und seinen vier Jahre jüngeren Bruder im Juli 1945 in einem provisorisch eingerichteten katholischen Waisenhaus in Königsberg-Maraunenhof unter. Wenig später starb sie; Anfang 1946 verlor Gerhard Schröder auch seinen Bruder.
Besonders eindrücklich schilderte er, wie die Kinder in der zerstörten Stadt versuchten, etwas Essbares zu finden. Sie durchsuchten Keller und Ruinen, sammelten Brennnesseln, Löwenzahn und andere Wildkräuter und aßen im Frühjahr sogar junge Baumknospen. Der allgegenwärtige Mangel prägte auch das Leben im Waisenhaus. Hunger und Verlust wurden für den damals Zehnjährigen zu alltäglichen Erfahrungen. Gerade die ruhige und sachliche Art, mit der Gerhard Schröder von diesen Erlebnissen berichtete, ließ erahnen, welchen Belastungen Kinder in dieser Zeit ausgesetzt waren.
1946 kam das Waisenhaus unter sowjetische Leitung, Anfang 1947 wurde Gerhard Schröder in ein Heim nach Heinrichswalde verlegt. Im Herbst desselben Jahres endete seine Zeit in Ostpreußen. Gemeinsam mit anderen deutschen Waisenkindern wurde er in einem verplombten Güterwagen in die Sowjetische Besatzungszone gebracht. Die tagelange Fahrt, bei der es kaum Wasser gab, blieb ihm besonders im Gedächtnis. Später erinnerte er sich daran, damals erfahren zu haben, dass Durst noch schlimmer sein könne als Hunger. Nach der Ankunft wurde er zunächst in Quarantäne genommen und anschließend in einem Kinderheim untergebracht. Über einen Suchaufruf des Roten Kreuzes fand ihn schließlich eine Tante aus Berlin; wenig später erfuhr er auch, dass sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war.


Anschließend berichtete Hannelore Neumann von ihrem bewegten Lebensweg. Auch ihre Kindheit begann in Ostpreußen. Nach der Vertreibung im Jahre 1947 gelangte sie in die Sowjetische Besatzungszone, wo sie von Pflegeeltern aufgenommen wurde. Neben den schwierigen Lebensbedingungen der Nachkriegszeit begleitete sie über viele Jahre die Frage nach ihrer eigenen Herkunft und der Geschichte ihrer Familie.
1964 entschloss sich Hannelore Neumann gemeinsam mit ihrem späteren Mann zur Flucht aus der DDR. Im Juni machten sich beide auf den gefährlichen Weg durch das Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze. Stacheldraht, Grenzsoldaten und die ständige Gefahr, entdeckt zu werden, begleiteten ihre Flucht. Schließlich erreichten sie die Bundesrepublik. Über das Aufnahmelager Friedland führte ihr Weg nach Frankfurt am Main, wo für sie ein neuer Lebensabschnitt begann.
Doch die Suche nach den eigenen Wurzeln war damit noch nicht beendet. Erst viele Jahre später brachte eine Reise nach Wien die entscheidende Wende. 1978 gelang es Hannelore Neumann, Angehörige der Familie ihres Vaters ausfindig zu machen. Nach Jahrzehnten der Ungewissheit erhielt sie Gewissheit über ihre Herkunft und konnte einen wichtigen Teil ihrer Familiengeschichte rekonstruieren. Rückblickend beschreibt sie diese Erfahrung als einen Wendepunkt, der ihr ein neues Gefühl von Identität und Selbstbewusstsein gab.

Die Schülerinnen und Schüler verfolgten beide Berichte mit großer Aufmerksamkeit und Konzentration. In der anschließenden Gesprächsrunde nutzten sie die Gelegenheit, zahlreiche interessierte und nachdenkliche Fragen zu stellen. Die persönlichen Erinnerungen der beiden Gäste hinterließen einen nachhaltigen Eindruck.
Der Besuch von Gerhard Schröder und Hannelore Neumann zeigte eindrucksvoll den besonderen Wert von Zeitzeugengesprächen für den Geschichtsunterricht: Aus historischen Ereignissen und Jahreszahlen wurden persönliche Erfahrungen und Lebensgeschichten – und Geschichte dadurch unmittelbar erfahrbar. Vielen Dank sagen wir den Zeitzeugen, dass sie ihre Erinnerungen mit uns geteilt haben!

